von Elke Susanne Sieber und Daniel Wensauer-Sieber, geschäftsführende Partner von sieber l wensauer-sieber l partner

 

Drei Phasen seit dem Lockdown

Von 100 auf Null. Vollbremsung in den Lockdown.  Einige Wochen sind nun vergangen. Nach einer ersten Phase, die für viele geprägt war von hoher Aktivität, von der Herstellung der digitalen Kommunikation, Einrichtung der Home Offices, Organisation von Homeschooling, Beantragung von Fördergeldern oder der Entwicklung neuer Produkte oder Dienstleistungen stellen wir nun in der Phase zwei in vielen Gesprächen mit Menschen in ganz unterschiedlichen Situationen eine zunehmende Verunsicherung fest, wie es weitergeht. Die Sorge um Mitmenschen wächst, Existenzängste sind spürbar, das gesamte Ausmaß der Krise wird deutlich, die Menschen fühlen sich zunehmend erschöpft, gereizt, gestresst.

Doch gerade jetzt und für die nächste Phase drei ist es sehr wichtig, oben und motiviert zu bleiben, zu kommunizieren, sich gegenseitig aufzubauen und zu unterstützen, um gut diese herausfordernden Zeiten zu bestehen.

 

 

Die Führungskräfte sind gefragt, doch was gehört dazu?

Die Führungskräfte sind jetzt gefragt, diese Zeit des Wandels proaktiv zu gestalten, die Menschen in ihrem Umfeld zu motivieren, (virtuelle) Teams zu bilden, zuzuhören, Emotionen zu zeigen und klare Entscheidungen zu treffen, Erkenntnisse und Learnings zu sichern und die Zeit nach der Krise gemeinsam mit ihren Mitarbeitenden zielgerichtet in den Blick zu nehmen.

Doch welche Qualitäten sind jetzt gefragt? Im Grunde genommen sind es genau die Qualitäten, die im Zusammenhang mit der sogenannten VUCA-Welt [1] für die „moderne“ und werteorientierte Führung beschrieben werden: Flexibilität, Agilität, Offenheit, Empathie, hohe Fehlertoleranz, Entwicklungsbegeisterung, Menschenliebe, Gestaltungswille und Entscheidungsstärke.

Die VUCA-WELT ist Realität

Doch was ist eigentlich diese VUCA-Welt, die durch die Corona-Krise viel schneller in allen Arbeitsbereichen Realität geworden ist, als wir in den letzten Jahren vermutet haben.

VUCA bündelt bestimmende Faktoren unserer Zeit, die insbesondere durch die Digitalisierung ausgelöst wurden: Volatilität (volatility) bedeutet, dass die Dynamik des Wandels und die dadurch ausgelösten Kräfte unberechenbarer sind; Unsicherheit (uncertainty) meint, dass das Risiko von Überraschungen bei gleichzeitiger Verringerung der Vorhersagbarkeit gestiegen ist; Komplexität (complexity) heißt, dass die Vielfältigkeit der Kräfte zunimmt und die Anzahl der Ursachen-Wirkungsketten abnimmt; und schließlich Vieldeutigkeit oder Ambiguität (ambiguity) bedeutet die Unsicherheit in Bezug auf die Möglichkeit  unterschiedlicher Interpretationen.

Maliks Führungsinstrumente in der Transformation

Die durch den Transformationsbeschleuniger Corona bewirkte Zunahme von Komplexität ist nicht das Gleiche wie Kompliziertheit – jedoch verwechseln viele Führungskräfte dies, wie der Managementexperte Fredmund Malik in einem aktuellen Interview im Handelsblatt vom 18. April erläutert[2].  Er erklärt dies mit dem Spielen einer klassischen Symphonie von Beethoven. Man kann diese auf zwei Arten spielen: Der Reihe nach, Instrument für Instrument und Note für Note, alles wird korrekt gespielt und eingehalten – jedoch ist dies keine Symphonie, kein Zusammenklingen und kein Gesamtspiel des ganzen Orchesters. Die andere Weise ist es, wenn alle Musiker*innen zusammenspielen, simultan statt sequentiell. Und dafür braucht es einen Dirigenten oder Dirigentin, also die Führungskraft im übertragenen Sinne.

Einige in „Maliks Führungsrad“ beschriebenen Führungsinstrumente können die Führungskraft in den heutigen Zeiten besonders unterstützen[3].

Zum einen wäre da die Verantwortung: Gerade in diesen Zeiten der Transformation ist die Führungskraft besonders gefordert, Verantwortung zu übernehmen für sich selbst, für Mitarbeitende, für die Organisation, für das Umfeld. Führungskräfte haben eine Vorbildfunktion, sie geben Sicherheit, sorgen für Motivation, zeigen Stärke und ermöglichen Empowerment. Und gerade das brauchen Mitarbeitende in diesen Zeiten besonders. Die Verantwortung für sich selbst heißt, eigene Kraft-Tankstellen zu zu schaffen, sich auch um sich selbst kümmern und so “oben“ bleiben, gerade in der Krise.

Kommunikation ist das zweite Stichwort. Auch wenn die persönliche Face-to-Face Kommunikation im Moment nicht möglich ist, ist es trotzdem wichtig, mit dem Umfeld und den Mitarbeitenden im telefonischen oder virtuellen Gespräch zu bleiben oder schriftliche Kommunikationskanäle zu nutzen. Klare Kommunikation, was die aktuelle Situation betrifft, aufbauende Gespräche, um Menschen zu motivieren, loben und kleine Erfolge feiern, ansprechbar sein, sich positiv zeigen und ehrlich auch über die eigenen Ängste sprechen: Man kann nicht nicht kommunizieren, wie Paul Watzlawick in einem seiner Axiome feststellt (www.paulwatzlawick.de). D.h. wenn man als Führungskraft im eigenen Home Office abtaucht, dann signalisiert das Ohnmacht, Bewegungslosigkeit und im schlimmsten Falle Desinteresse.

Desweiteren kann es auch wichtig sein, regelmäßige Sitzungen, Projektbesprechungen, Meetings, Rücksprachen fest in die Kalender einzutragen und nicht ausfallen zu lassen. Das hält den Betrieb am Laufen und alle haben die Möglichkeit, sich auszutauschen, eigene Ideen einzubringen und klare Aufgaben zu erhalten, was in den Home Offices zu tun ist.

Für Ziele sorgen ist ein weiteres wesentlichen Führungsinstrument, was gerade jetzt sehr sinnvoll ist: Als Führungskraft sollte man sich mit den Mitarbeitenden jetzt schon Gedanken machen, welche Ziele von den bestehenden Zielen weiterhin sinnvoll sind, aber auch, was man aus der Krise lernen kann und welche Ziele daraus neu entwickelt werden können, welche Teilziele man vielleicht doch noch erreichen kann. Dabei kann man sich auf wenige, aber wichtige Ziele beschränken, die smart formuliert sein, d.h. spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und terminiert.

 

Antoine de Saint-Exupéry zum Thema Führung

Wir verwenden gerne Zitate für unsere Seminare, Vorträge oder Netzwerkveranstaltungen.

Ein sehr bekanntes Zitat von Antoine de Saint-Exupéry zum Thema Führung lautet:

“Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen. Sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.”

Dieses Zitat umschreibt sehr schön die innere Haltung für Führungskräfte, die einem in diesen herausfordernden Zeiten Zuversicht und Mut geben können.

Bleiben Sie „oben“ – denn Sie als Führungskraft machen den Unterschied.

________________________

[1] Mack, Oliver; Khare, Anshuman [u. a.] (Hrsg.): Managing in a VUCA World, Heidelberg/New York 2016

[2] Malik, Fredmund: Kein Manager schläft mehr gut, in: Handelsblatt Nr. 75, April 2020

[3] Malik, Fredmund: Management für Personen. Das Malik Standardmodell der Wirksamkeit® („Malik Führungsrad®“), https://www.malik-management.com/de/