Der Dax und der Dow Jones kennen aktuell vor allem einen Weg: nach unten, Netflix, Zoom, Teamviewer oder Slack erleben dagegen Höhenflüge. Wie ist das möglich?

Während Corona uns nach Hause verbannt, uns zum „Social Distancing“ auffordert, wollen und können Menschen nicht auf Kontakte verzichten. Vor zwei Jahren in einem virtuellen Test-Meeting in unserem Rotary Club war das Ergebnis: wenig Interesse, fragende Gesichter:  wie soll in der Virtualität rotarische Freundschaft gelebt werden? Vor einer Woche mitten in der Krise findet sich fast die Hälfte des Clubs quer durch alle Altersgruppen zum virtuellen Meeting im neuem Clublokal ZOOM – eine Meeting-Software – zusammen und alle sind froh, sich zu sehen. Wir können Kontakte pflegen und uns über die Erlebnisse der letzten Tage auszutauschen. Schnell ist klar, geteiltes Leid ist halbes Leid. So berichtet eine Bankerin, dass gerade noch schnell Programme zu Ende programmiert werden, um im sensiblen Banken-Bereich nun Home Office zu ermöglichen, eine andere Unternehmerin erläutert, wie auf die Schnelle im Unternehmen reorganisiert wurde, um Ansteckungsrisiken zu minimieren. Es klingt durch, dass wohl so manche Entscheidungen jetzt in der Krisen-Situation möglich waren, die sonst zu zähen Prozessen geworden wären. Die Krise als Chance.

Homeschooling

Aber auch in der Schule passiert das bis jetzt nie Dagewesene: „Auf einmal geht’s“. Bisher eher unbeholfen in digitalen Dingen, haben binnen einer Woche alle Schüler einer Grundschule eine eMail Adresse – quer durch die Klassen von 1.-4. Schüler kommunizieren mit ihren Lehrern online. Die Klassenlehrerin versendet die Wochenpläne per eMail. Homeschooling bekommt Struktur und unser 10-jähriger ist eifrig dabei, seine Aufgaben abzuarbeiten und ein Foto von seinem Mondrian Bild mit vielen rechtwinkligen Dreiecken abzusenden, inklusiver dazugehöriger eMail, die noch etwas kurz ausfällt. Aber die Möglichkeiten sind entdeckt – und das Rad wird nicht mehr zurückzudrehen sein. Aber wir stellen auch fest, wir müssen als Familie ankommen in dieser Welt, neue Struktur schaffen in unserem Alltag. Ich selbst brauche drei Tage bis ich mich so richtig darauf einlassen kann. Anderen geht es wohl sehr ähnlich.

Ready for Virtuality

Ein Unternehmer-Kollege, den ich mit dem gebotenen Abstand zum Mittagessen treffe, erzählt mir, dass die letzten Rechner nun mit VPN eingerichtet sind. Ein anderer, dass er leider nicht rechtzeitig genügend Laptops bestellt hat und so seine Mannschaft nicht flächendeckend zu Hause arbeiten kann. Aktuelle Lieferzeit: 2-3 Wochen. Manche Produkte sind aktuell gar nicht zu bekommen, weil Teile für die Produktion aus China fehlen. Wohl dem der jetzt Laptop mit Kamera, Mikro und Lautsprechern zur Verfügung hat, um einzutauchen in die Welt von Skype, Zoom, Teams oder Facetime. Die Möglichkeiten zur Kommunikation sind vielfältig, die Erfahrungen über Leistungsfähigkeit und Stabilität unterschiedlich, aber unisono die Rückmeldung: es funktioniert. Und sogar die Erkenntnis, dass man sich doch die eine oder andere Geschäftsreise zum Kunden hätte sparen können, weil ein Online-Meeting viele Wege erspart und zentrale Möglichkeiten eröffnet. Die Befürchtung, dass die Leitungen zusammenbrechen könnten, bleibt vorerst aus …. vielleicht ist die Infrastruktur doch leistungsfähiger als befürchtet.

Das erste Online-Seminar

Wir selbst stehen vor der Herausforderung, dass uns Aufträge wegbrechen, Termine abgesagt werden, Workshops nicht stattfinden können. Aber Not macht erfinderisch und nach der ersten Schockstarre finden sich erste Kunden, die sich auf das Experiment einlassen: Online-Seminar. Erfolg u.a. statt der zwölf Angemeldeten nehmen sogar 14 teil, weil die Anreise zum Seminar-Ort wegfällt. Dank digitaler Technik können alle die Präsentation sehen, sich austauschen, Übungen machen. Das Netz ist stabil, die Software auch. Fazit nach sechs Stunden: vieles funktioniert online, es ist aber insofern anstrengender für alle Beteiligten, weil viel mehr Aufmerksamkeit und Konzentration gefordert sind. Sechs Stunden Meeting online – der Akku ist leer und damit ist nicht der vom Laptop gemeint, der hängt nämlich längst an der heimischen Steckdose.

Jetzt sind wir am Überlegen, eine Seminar-Reihe mit Kurz-Seminaren aufzulegen, denn wir sind uns sicher, es ist wichtig, dass wir jetzt nicht nur technisch auf die Herausforderungen reagieren, sondern die Menschen auch auf dem Digitalisierungssprung mitnehmen. Homeoffice, digitales Arbeiten, digitales Führen, mehr Eigenverantwortung, viel stärker den Alltag selbst strukturieren, heimische Isolation – das ist nicht einfach. Im Gegenteil, da brauchen viele Hilfestellung, um vom Krisen- wieder zum Produktivmodus umschalten zu können. Veränderung bedeutet Anstrengung und ist harte Arbeit für Körper und Geist.

Online im Ehrenamt

„Das ging aber gut“, meint der Vorsitzende neben mir, nachdem die erste virtuelle Vorstandssitzung Geschichte ist. Nach einigen Einwahlproblemen waren auch die letzten Vorstandsmitglieder an Bord und wir konnten die wichtigsten Dinge besprechen, also auch das Ehrenamt kann weitergehen in Zeiten von Corona, Shut Down und „social distancing“. Die Veränderung und die Suche nach neuen Möglichkeiten bricht sich Bahn und Corona bewirkt, was viele Milliarden Digitalförderung nicht vermochten, wir setzen uns mit digitalen Möglichkeiten aktiv auseinander und lernen diese zu beherrschen.

Aber auch vor der E-Jugend Mannschaft macht die Digitalisierung nicht halt. Der Trainer bittet die 9 bis 10-jährigen zum Cyber-Training, schickt Übungen und Videos und in der nächsten Woche soll sich die Mannschaft zum ersten virtuellen Training treffen. Wir sind gespannt und hoffen, dass alle sich beteiligen können und nicht eine „Digital Divide“, Teilnahme verhindert.

Aber auch im privaten Bereich probieren wir ein Stück Normalität einziehen zu lassen: nächste Woche gibt es den ersten virtuellen Kindergeburtstag in unserer Familiengeschichte. Der Vorteil, wenn es uns zu bunt wird, können wir den Stecker ziehen – machen wir natürlich nicht. Aber fest steht schon, Geschenke und die berühmte Mitgebsel-Tüte müssen wir irgendwann nach Corona noch analog übergeben. Aber bevor es soweit ist, treffen wir uns heute Abend mit Freunden zu einem Glas Wein – natürlich in unserem virtuellen Restaurant Zoom. Und jetzt mache ich mich auf den Weg, um meiner Mutter alles einzurichten, dass wir uns trotz „Social Distancing“ in den kommenden Tagen und Wochen wenigstens virtuell begegnen können.

Daniel Wensauer-Sieber ist Partner bei sieber l wensauer-sieber l partner. Als Berater greift er auf Erfahrungen aus Tätigkeiten in der Wirtschaft, öffentlicher Hand, aber auch als Vater und „Ins Leben“-Begleiter“ seines heute 10-jährigen Sohnes zurück. Seit vielen Jahren ist der studierte Historiker und Absolvent der Journalistischen Nachwuchsförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung, als Berater mit den Schwerpunkten Veränderung, Kommunikation und Werte bei seinen Kunden aktiv. Dabei treibt ihn auch immer wieder die Neugierde an und der Wunsch, neue Möglichkeiten selbst auszuprobieren, ob Hybrid-Auto, eLastenbike oder wie in den letzten Tagen verstärkt die Digitalisierung.