Im Interview mit Anabel Ternès sprechen die Gründerinnen und Co-CEOs des Berliner HR-Tech Startups Tandemploy darüber, wie Unternehmen gestärkt aus der aktuellen Krise hervorgehen können und ihr Immunsystem auch für zukünftige Herausforderungen fit machen.

1. Liebe Anna, liebe Jana, den Umbruch in der Arbeitswelt, den ihr seit Jahren fordert, erleben viele Unternehmen nun in Teilen ganz plötzlich und unfreiwillig. Kann das gut gehen und nachhaltig sein?

Anna: Die aktuelle Situation kann durchaus eine große Chance sein. Viele Unternehmen müssen erstmals raus aus ihrer Komfortzone. Dinge, die sonst Jahre brauchten oder unzählige Abstimmungsschleifen über sämtliche hierarchische Ebenen hinweg, gehen auf einmal schnell und unbürokratisch, auch dank digitaler Hilfsmittel. Diese Erfahrung ist gut und wichtig und kann eine Initialzündung sein, um veraltete Strukturen zu überdenken und aufzubrechen. Wie bei allen nachhaltigen Veränderungen müssen Unternehmen dies aber auch wirklich wollen. Wenn sie die Krise als Anlass nehmen, um sich ernsthaft und mit großer Offenheit mit sich selbst zu beschäftigen, wenn sie die neu entdeckten Kanäle nutzen, um ihren Mitarbeitenden besser zuzuhören und mit ihnen gemeinsam zu überlegen, wie sie in Zukunft zusammenarbeiten wollen, dann kann aus der Hauruck-Aktion etwas richtig Gutes wachsen.

2. Viele prophezeien, dass wir nach Corona anders arbeiten werden. Dabei beziehen sie sich vor allem auf Formen der ortsunabhängigen, digital gestützten Kommunikation. Was wird sich eurer Einschätzung nach ändern – und was sollte sich dringend ändern?

Jana: Es kommt wohl stark auf die individuelle Situation an. Viele erwarten, dass auch nach der Corona-Krise alle von zu Hause arbeiten wollen und dürfen. Ich höre aber auch immer wieder Stimmen von Leuten, die es kaum erwarten können, endlich wieder im Büro zu sein. Gerade wer zu Hause nebenbei noch Kinder unterrichten oder betreuen muss, sehnt sich vermutlich nach etwas Büroalltag außerhalb der eigenen vier Wände. Und genau darum geht es letztendlich: die individuellen Situationen und Herausforderungen der Mitarbeitenden zu sehen, wertzuschätzen und mit ihnen gemeinsam und kreativ Modelle zu entwickeln, wie sie Arbeit und andere Lebensbereiche gut zusammen bekommen, und zwar nicht nur auf Knirsch, sondern so, dass Freiräume bleiben.

Anna: Noch viel zu oft führen Unternehmen drei Maßnahmen ein und lehnen sich dann zurück. Das funktioniert nicht. Wenn sie wollen, dass Mitarbeitende sich mit allem einbringen, was sie an Skills mitbringen, und wenn sie gute neue Köpfe gewinnen wollen, müssen sie viel stärker in den Austausch mit den Menschen in und außerhalb der Organisation gehen. Sie müssen für gute Employee Experiences sorgen, und das über alle Lebensphasen hinweg – die der Menschen und die des Unternehmens.

3. Welche Strukturen helfen Unternehmen, um Situationen großer Veränderung gut zu bewältigen?

Anna: Meine These: Je stärker die hierarchischen Strukturen und je geringer der eigene Handlungsspielraum im Arbeitsumfeld sind, desto intensiver spüren die Menschen bei Veränderungen Gefühle von Orientierungslosigkeit und Zukunftsangst. Umgekehrt machen Menschen, die es gewohnt sind, selbst Entscheidungen zu treffen, Dinge auszuprobieren und die Folgen ihres eigenen Tuns zu spüren, auch unter veränderten Bedingungen weiter – nur eben anders. Viele Solo-Selbstständige und Unternehmer*innen aus der Kreativszene, die in den vergangenen Wochen neue Ideen und Geschäftsmodelle aus dem Boden gestampft haben, zeigen, was alles möglich ist, wenn wir uns selbst und unsere Veränderungskompetenz spüren. Unternehmen, die in Krisen beweglich und stark bleiben wollen, müssen zuallererst ein Umfeld schaffen, das ihren Mitarbeitenden eine ganz neue Erfahrung ermöglicht: Selbstwirksamkeit.

4. Corona wird nicht die letzte Herausforderung sein, die Organisationen meistern müssen – ganz im Gegenteil. Wenn wir uns ein Unternehmen als lebendigen Organismus vorstellen: Was kann es tun, um sein Immunsystem zu stärken und in Zukunft besser für “Angriffe” gewappnet zu sein?

Anna: Das menschliche Immunsystem ist ein Paradebeispiel dafür, wie wichtig Vernetzung und innere Stärke für einen widerstandsfähigen Organismus sind. Denn es ist nicht etwa ein einzelnes Organ, das unseren Körper am Laufen hält, wenn es schwierig wird, sondern das Zusammenspiel einer Reihe von Zellen, Organen und Molekülen. Eine funktionierende Abwehr geht nur, wenn wichtige Bereiche kollaborieren. Das gilt 1:1 auch für Unternehmen. Sie müssen lernen, die einzelnen Zellen viel besser miteinander zu verbinden, heißt, die Menschen innerhalb der Organisation zu vernetzen. Starre Strukturen und Druck müssen lebensfreundlichen Arbeitsmodellen weichen. Denn andauernder Stress schwächt das organisationale Immunsystem. Stattdessen sollten Unternehmen allen Beteiligten die Chance geben, zu wachsen, sich zu entwickeln und ihren wertvollen Beitrag zur Entfaltung des “Organismus Unternehmen” zu leisten – in zwar in ihrem individuellen Lebens- und Entwicklungstempo.

5. Können Unternehmen Vernetzung lernen? Und wenn ja, wie?

Jana: Ja, und sie haben die besten Voraussetzungen dafür. Unsere Umfrage zum Wissenstransfer in Unternehmen aus dem vergangenen Jahr hat einmal mehr gezeigt, dass Mitarbeitende ein großes Interesse daran haben, von Kolleg*innen zu lernen und auch ihr eigenes Wissen mit anderen zu teilen – wenn man sie denn lässt. Unternehmen stehen sich hier leider noch viel zu oft selbst im Weg, wenn es darum geht, die eigenen Möglichkeiten zu nutzen und sie für alle sichtbar und zugänglich zu machen. Dabei ist das keine Raketenwissenschaft, weder in kleinen Unternehmen noch in Großkonzernen. Denn was jede*r Mitarbeitende mit Sicherheit weiß, ist, was er oder sie selbst kann und teilen möchte. Eingepflegt in ein entsprechendes Tool, können diese Informationen binnen Minuten allen Kolleg*innen zugänglich gemacht werden. Der Algorithmus kennt keine Silos und keine Hierarchien. Er tut ganz einfach das, was starre Strukturen immer noch viel zu oft verhindern: Menschen zusammenbringen, die gemeinsam so viel mehr erreichen können als der oder die Einzelne hinter verschlossener Bürotür.

Anna: Bei Tandemploy sagen wir immer: Jede Veränderung beginnt mit einem ersten Matching. Das kann ein erstes Mentoring-Duo sein, ein erstes Jobtandem, eine erste Peer Learning Group, manchmal sogar ganz simpel ein erstes Lunch-Date zwischen Kolleg*innen unterschiedlicher Abteilungen. Wer einmal spürt, wie wunderbar vernetztes Arbeiten geht und wieviel besser sich Aufgaben gemeinschaftlich bewältigen lassen, wird nicht mehr anders arbeiten wollen.

6. Gerade in der aktuellen Situation kommt es auch auf die Handlungsfähigkeit jedes und jeder Einzelnen an. Auf sich selbst gestellt im Home Office geht es um Selbstorganisation, Selbstführung und Verantwortung für sich und andere. Welche Strukturen sind nötig, um diese Skills bei den Mitarbeitenden zu aktivieren?

Jana: Da sind wir wieder beim Thema “Selbstwirksamkeit”, das Anna eingangs angesprochen hat. Wer in der Vergangenheit bereits Verantwortung übernehmen durfte, zum Beispiel ein Projekt geleitet hat oder Onboarding Buddy für einen neuen Kollegen war, wird es leichter haben, auch jetzt ins Machen zu kommen und der Situation aktiv zu begegnen. Wechselnde Rollen und dynamische Hierarchien, die sich aus der Kompetenz ergeben statt aus der formalen Position, in Kombination mit Handlungsspielräumen und Vertrauen, sind wichtig, damit Mitarbeitende bereit sind, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.

7. Wie unterstützt ihr als Tandemploy Unternehmen ganz konkret dabei, neue Strukturen aufzubauen?

Jana: Wir haben eine Software entwickelt, die die interne Vernetzung einfach macht. Mit wenigen Klicks können Mitarbeitende sich mit Kolleg*innen zu unterschiedlichsten Themen und Anlässen verbinden, sei es ein Mentoring, eine Experten-Session oder einfach ein Lunch-Date für den informellen Austausch. Es gibt insgesamt 18 Anwendungsfälle, von ganz kurzfristig und flexibel bis langfristig und verbindlicher, wie etwa beim Jobsharing. Dabei war und ist uns wichtig, dass die Software von den Mitarbeitenden selbst genutzt wird und sie damit selbst zu Gestalter*innen der neuen Strukturen in Unternehmen macht. Wir haben das Tool aus der Überzeugung heraus entwickelt, dass Veränderung nicht einfach top-down angeordnet werden kann, sondern aus der Mitte der Organisation wachsen muss.

8. Ab welcher Unternehmensgröße und für welche Unternehmensbereiche sind Vernetzungstools sinnvoll?

Anna: Es gibt keine starren Vorgaben oder Beschränkungen. Unternehmen können sich die Anwendungsfälle herausziehen, die sie brauchen und die für ihre ganz eigene Transformation sinnvoll sind. So richtig spannend wird unsere SaaS sicherlich ab einer Mitarbeiterzahl von 500 oder 600. Es können aber auch weniger sein, je nachdem, für welche Module sich das Unternehmen interessiert. Sowohl KMU als auch Großkonzerne nutzen unsere SaaS, unabhängig von der Branche, in der sie tätig sind.

9. Ihr selbst seid ja auch Dienstleister und damit am Ende der “Nahrungskette”. Viele Unternehmen trennen sich gerade von Dienstleistern, um ihre Kosten zu senken. Trifft euch die Krise besonders hart? Und wenn ja, wie geht ihr als Team von mittlerweile 30 Mitarbeitenden damit um?

Jana: Unsere Kunden haben uns kurz nach dem Lock-Down kontaktiert und uns gesagt, wie froh sie sind, mit uns zusammenzuarbeiten. Denn gerade jetzt kommt es noch viel stärker auf inneres Wachstum und ein gutes Zusammenspiel aller Kolleg*innen an. Angesichts von Einstellungsstopps und Entlassungen wollen und müssen Unternehmen ihr vorhandenes Potential viel stärker in den Blick nehmen. Unsere Software passt daher gut zu den Herausforderungen, vor denen viele gerade stehen.

Anna: Was unser eigenes Team angeht, galt bei uns schon immer “Practice what you preach”. Alle Team-Mitglieder arbeiten von Beginn an maximal flexibel und viele auch zu großen Teilen remote. Insofern war der Umzug vom Tandemploy Office ins Home Office keine große Sache. Durch die Krise haben wir sogar mehr zu tun als zuvor und bekommen noch mehr Anfragen von interessierten Unternehmen. Keiner aus dem Team musste in Kurzarbeit, was toll ist. Wenn doch mal Sorgen und Ängste aufkommen, kommunizieren wir sehr offen und authentisch miteinander.

10. Was werdet ihr bei eurer Rückkehr ins Tandemploy-Office als allererstes tun? Worauf freut ihr euch?

Anna: Ganz klar: auf unser Team und endlich wieder alle umarmen zu können.

Jana: Das, und auf den besten Kaffee der Welt.