von Elke Susanne Sieber, systemischer Business Coach

 

Digitalisierung und ihre Folgen, Corona-Krise, Krise an der griechisch-türkischen Grenze, Börsenkrise, Brexit-Krise – die Zeitungen in den letzten Wochen und Monaten sind voll von Krisen-Szenarien. Aber wie können wir selbst am besten mit Krisen umgehen und die damit verbundenen Veränderungen begegnen? Wie können wir verhindern, dass aus Krisen Katastrophen werden?

Eine Möglichkeit: Der Krise durch das Ändern der inneren Haltung begegnen.

Innere Haltung ändern – was heißt das konkret?

Bei uns Menschen können Veränderungen Stress auslösen. Selbstverständlich gibt es echte Lebenskrisen, die zu bewältigen sind. Aber auch Veränderungen wie die Digitalisierung, ein neuer Chef, oder, oder, oder können uns Menschen stark unter Druck setzen. In solchen für uns stressigen Situationen neigen wir dazu, in gewohnte und eingeübte Verhaltensmuster zu verfallen. Diese Verhaltensmuster werden sogar noch gestärkt und gewinnen die Oberhand. Wenn jemand z.B. ein sehr planender, rationaler Mensch ist, verstärkt sich der Wert von planend hin zum peniblen und perfektionistischen. Wenn sie womöglich eh schon zu einem unaufgeräumten Schreibtisch neigen, wird dort im „Krisenfall“ das Chaos ausbrechen – wenn bei Ihnen das Gegenteil der Fall ist, so werden sie jeden Stift noch genauer ausrichten und der Schreibtisch wird zur polierten, geordneten Platte. Krisen sind also Verstärker für unsere Verhaltensmuster. Und um diese Muster zu durchbrechen, ist es sinnvoll, die eigene Haltung zu überdenken.

Verhaltensmuster durchbrechen

In Krisen ist es hilfreich, sich selbst und seine Verhaltensmuster zu erkennen und einen in der Krise hilfreichen Umgang mit diesen zu finden.

Um zum Beispiel unseres Planers zurückzukehren: Was er in der Krise oder Veränderung benötigt, ist nicht seine pedantische, sondern eine elastische und flexible Haltung. Statt „planen“ ist die Fähigkeit gefragt, sich auf Situationen und deren Veränderung schnell einzustellen. Statt Projekte bis ins Detail perfekt durchzuplanen, ist Flexibilität gefragt. Schnelle Entscheidungen sind notwendig und die Fähigkeit, neue Ideen zu entwickeln und Innovationen auf die Straße zu bringen.

Aus dem eigenen Hamsterrad aussteigen

Doch wie schafft man es, als gut planender und organisierter Mensch aus dem eigenen Hamsterrad der Perfektion auszusteigen? Wie gelingt es, die eigenen gut ausgeklügelten Pläne, die einem Halt und Sicherheit geben, zu verlassen? Wie erreicht man ein Mehr an Gelassenheit, Flexibilität und Elastizität?

Die gute Nachricht: Wir haben es selbst in der Hand, denn alles ist „in uns“ drin.

Jede Eigenschaft hat auch einen positiven Gegenwert oder eine Schwesterntugend, wie es Friedemann Schulz von Thun[1] nennt. Diesen können wir uns klar machen und aktivieren. In gängigen Typologien und Persönlichkeitsprofilen, wie beispielsweise dem W.E.R.T.-Modell[2] von Dr. Michael Fuhrmann und Algar Rother, werden typische Grundmuster menschlichen Verhaltens verständlich gemacht. Wenn dies für einen selbst bewusst ist, kann man versuchen, prägende Eigenschaften und Verhaltensmerkmale in Ausgleich zu bringen mit den scheinbar im Gegensatz stehenden Merkmalen, indem man die nicht so ausgeprägten Anteile stärkt. In anderen Kontexten spricht man vom Aufstellen des Inneren Teams[3], ursprünglich von Friedemann Schulz von Thun entwickelt. Jedes innere Teammitglied steht für eine für einen inneren (lauteren oder leiseren) Anteil oder Aspekt der gesamten Persönlichkeit, den man ganz bewusst und situationsabhängig zusammensetzen kann, wie es die Psychologin Dagmar Kumbier in einem ihrer Bücher[4] anschaulich darstellt.

Den Gegenwert stärken und die richtigen Erkenntnisse ableiten

Das heißt also, dass wir Menschen zwar dazu neigen, in der Krise gewohnte Verhaltensmuster noch zu stärken, doch sind wir in der Lage, unsere nicht noch so ausgeprägten Gegenwerte aktiv zu trainieren.

Und hier sind ein paar Anregungen, wie Sie das aktiv tun können: Nehmen Sie sich zum Beispiel einen Stapel Postkarten oder suchen Sie über die Google-Bilder-Suche einige Bilder heraus, die Ihren Hauptwert, also eine besonders ausgeprägte Eigenschaft, visualisiert und suchen Sie ein Bild, welches am Besten zum dazugehörigen Gegenwert passt – denn Sie wissen ja, ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte. Identifizieren Sie sich damit und machen Sie sich somit Ihren Gegenwert besonders bewusst. Probieren Sie sich aus, machen Sie im Kleinen bewusst etwas ganz anders als gewohnt, werden Sie mutig und lassen Sie los. Fangen Sie an „Veränderung“ in kleinen Schritten zu trainieren. Womöglich ist es aber auch notwendig, dass Sie sich erstmal mit dem Gegenwert „versöhnen“, weil er ihnen aktuell völlig fremd ist und Sie ihn ablehnen.

Genauso, wie Sie sich persönlich mit dem Thema auseinandersetzen, so können Sie das Konzept auch für Ihr Unternehmen nutzen. Womöglich haben Sie ein Unternehmens-Leitbild- aber sind die dort definierten Werte für die Krise die Richtigen? Oder bedarf es einer Überprüfung? Oder vielleicht sogar neuer starker Bilder, die Ihnen helfen, die Krise mit Gegenwerten zu bewältigen und die Vision ihres Unternehmens weiterentwickeln?

Denn auch in einer großen Krise liegt eine große Chance, wenn man in der Lage ist, Erkenntnisse für Entwicklung daraus abzuleiten. Und wie für uns als Person, so gilt auch für Unternehmen: Ein Teil der Lösung ist auch eine Frage der Haltung.

 

Elke Sieber ist Partnerin bei sieber l wensauer-sieber l partner. Als an der Führungsakademie Baden-Württemberg ausgebildete Business Coach ist sie Spezialisten für Change-Projekte, Partizipations-Modelle und werteorientiere Führung. Als Geisteswissenschaftlerin (M.A.) kennt sie aus dem Berufsleben sowohl das Wirtschaftsleben als auch die öffentliche Hand – die Erfahrung aus beiden Welten bringt sie in ihre Projekte zugunsten ihrer Kunden ein.

Literatur

[1] Schulz von Thun, Friedemann: Das Werte- und Entwicklungsquadrat: Ein Werkzeug für Kommunikationsanalyse und Persönlichkeitsentwicklung, erschienen in: TPS. Theorie und Praxis der Sozialpädagogik, S. 13-17, Ausgabe 09, Stuttgart 2010

[2] Rother, Alger und Fuhrmann, Michael: Das WE.R.T.-Persönlichkeitsprofil, http://www.wert-profil.de

[3] Schulz von Thun, Friedemann und Stegemann, Wibke (Hrsg.): Das Innere Team in Aktion. Praktische Arbeit mit dem Modell, Reinbeck 2004

[4] Dagmar Kumbier: Das Innere Team in der Psychotherapie: Methoden- und Praxisbuch, Stuttgart 2019