Frank, 54, ist schon mehr als 15 Jahre im Unternehmen und einer von den Kollegen, die man immer um Rat fragt. Im Vertrieb beim Kunden kann ihm keiner etwas vormachen – und dennoch fühlt er sich mittlerweile etwas verunsichert. Sein Alltag ist trotz seiner Erfahrung und seinem Standing beim Kunden zu einer Herausforderung geworden. Und das, obwohl ihm die neuen digitalen Tools im Arbeitsalltag eigentlich einiges abnehmen sollten.

Es begann alles mit der Einführung des neuen CRM-Tools mit zahlreichen automatisierten Abläufen. Die Jungen erfassten die neuen Möglichkeiten sehr viel schneller als er und seine älteren Kollegen. Und im Anschluss daran fanden sich er und andere ältere Kollegen plötzlich in einer ungewohnten Rolle wieder. Junge Kollegen, Digital Natives, schulten sie, die langjährig erfolgreichen, aber digital unerfahreneren Kollegen, in der Handhabung digitaler Tools. Bei diesem Reverse Mentoring hatte Frank das Gefühl, als wenn ihm der Boden unter den Füßen weggezogen wurde.

Dabei ist Reverse Mentoring ein an für sich sinnvoller Ansatz, um die digital Unerfahreneren bei der Digitalisierung mitzunehmen. Zudem können junge Mitarbeiter gleich mit ihrer Digitalkompetenz in die Unternehmensentwicklung mit eingebunden werden und sich wirksam in das Unternehmen einbringen. Das kann neben der Wissensvermittlung Teams näher zusammenbringen.

Wenn aber der Ansatz des Reverse Mentoring im Unternehmen noch nicht eingeführt und bekannt ist, kann dies bei den älteren Mitarbeitern, die geschult werden sollen, zu Frustration, Ablehnung und Angst vor Entlassung führen. Denn Reverse Mentoring stellt die bekannten Rollen auf den Kopf und in diesem Fall Digitalkompetenz vor Erfahrungswissen. Und so gut es ist – Mitarbeiter fühlen sich nur ernstgenommen, wenn sie von Anfang an eingebunden werden oder sogar das Gefühl haben, dass sie eine Lösung, eine Evolution oder ein Angebot mitentwickelt und mitentschieden haben. Nur dann werden die neuen Tools auch bereitwillig angenommen.   

Neben rein digitalen Kompetenzen ist Erfahrungswissen bei vielen Geschäftsmodellen und für viele Unternehmen mindestens ebenso wichtig. Nicht zuletzt gilt Wissensmanagement aktuell als eines der wichtigsten Herausforderungen für Unternehmen. Da reicht es nicht, eine Datenbank mit Informationstexten und Suchbegriffen anzulegen. Vielmehr ist es wichtig, Storytelling zu kultivieren und zu systematisieren. Neben den Bereichen im Unternehmen, in denen sich Kollegen regelmäßig in den Pausen bei informellen Gesprächen austauschen, zählen regelmäßige Teammeetings ebenso wie erlebte Informationen, die als Erfahrungsbericht etwa in Form eines Videos festgehalten werden können.

 

Tipps:

  • Mentoring ist generell eine gute Möglichkeit zur Wissensvermittlung unter Mitarbeitern, aber auch eine sinnvolle Methode, um neue Mitarbeiter in das Unternehmen einzuführen, Karrieren gezielt zu fördern und Wissenstransfers für Übergänge zu gestalten, wenn ein Mitarbeiter in Rente geht und ein anderer jüngerer Mitarbeiter diesen Arbeitsplatz übernimmt.
  • Reverse Mentoring ist eine Art der Wissensvermittlung, die sich bei digitalem Wissenstransfer eignen kann. Meist zeigen dabei Digital Natives älteren Mitarbeitern digitale Tools bzw. den Umgang damit. Man sollte bei der Einführung allerdings beachten, dass es für viele Mitarbeiter ungewohnt ist, wenn Jüngere Älteren etwas erklären. Sie kennen es von ihrer Ausbildung her meist nur so, dass der Ältere Wissen weitergibt und den Jüngeren an die Hand nimmt. Eine Einführung dieses Tools ohne die entsprechende Vorbereitung der Beteiligten führt nicht selten zu Unmut, Frustration und die Flucht in verdeckten Widerstand oder Krankheit.
  • Der Ruf nach Digitalisierung darf nicht dazu führen, wertvolles Erfahrungswissen abzuwerten. Digitalwissen ist nicht besser oder schlechter. Meistens macht es die Mischung. Wo der erfahrene Mitarbeiter überlegt und mit Weitblick an Dinge herangeht, kann der junge Kollege möglicherweise mit neuen Methoden, ungewohnten Herangehensweisen und Digitalwissen punkten.